FREDERIK BUSCH

 
 

is a series of photographic portraits showing drag queens. the images were taken in berlins

1990´s nightlife.  the series was published in transatlantik magazine in 2002 with a text by rolf sachsse.

 

DRAGS / 1995-97

Drag Queens

im Zeitalter ihrer elektronischen Reproduzierbarkeit

Frederik Busch und die Schönen der Nacht    

von Rolf Sachsse

Knapp ein Jahrhundert lang war es die vornehmste Aufgabe der Fotografie, auf gesellschaftliche Randgruppen hinzuweisen, ihr Dasein dem bürgerlichen Publikum nahe zu bringen und Verständnis, ja Mitleid für sie zu erzeugen. Das hat dieses Abbildungsverfahren in seiner technischen Reproduzierbarkeit mit und ohne Walter Benjamin so gut geleistet, dass inzwischen von Betroffenheitskitsch die Rede ist, wenn Bilder von Außenseitern gezeigt werden. Doch am Ende der Fotografie ist auch das Ende des Kennenlernens erreicht: Vor lauter Randgruppen sieht man keine Gesellschaft mehr. Das Abbild selbst markiert keine kulturelle Leistung mehr, es kann nur noch ein Teil des Kommunikationswegs sein. Das wusste und weiß auch Frederik Busch, als er seine Berliner Portraits einer Reihe von Drag Queens aufnahm. Dem schönsten seiner Bilder, einer Gruppenaufnahme, hat er den Dateinamen oder Arbeitstitel Transengruppe1 mitgegeben, was ebenso nach Linie 1 wie Westgruppe klingt und dem ganzen Thema durchaus nahe kommt.

Drag Queens - mir ist eigentlich die rheinische Fummeltunte näher am Kassenschalter als der deutschebahneigene Ticket Shop - sind die (äußerlich) theatralischste Truppe der Schwulenszene, eine äußerst männliche zugleich. Nicht einmal schwul sein ist heute mehr angesagt in dieser Lounge, ein wenig Autoerotik reicht vollkommen. Umgekehrt ist die Fotografin oder der Fotograf kein Voyeur mehr, braucht sich nicht mehr durch das anrüchige Dickicht feuchtwarmer Beziehungen zu arbeiten, sondern kann ganz einfach dabei sein und auf den Auslöser drücken. Umso mehr kommt es darauf an, was bei dieser Arbeit entsteht: Das Einzelbild, die Serie, die Geschichte, die Ellipse, Parabel oder einfach eine Menge Bilder zum Selber-Ordnen durch die Betrachterinnen und Betrachter.

Frederick Busch kommt von der Bühne, kennt die Techniken der Inszenierung in Schminke, Kostüm und Licht, lässt die Protagonisten agieren und freut sich am Ergebnis vieler Sitzungen. Soweit ganz einfach und ganz klassisch. Doch weiß er als Fotograf, dass er ebenso wenig der Erste ist, der dieserart Bilder macht, wie seine Gegenüber nicht die Ersten sind, die sich so darstellen. Typen werden gegeben, Vorbilder zitiert, Rollenklischees in Szene und damit ins Bild gesetzt. Hier ‘ne Holly, da ‘ne Jacky, dort ein blondes Wiener Blut, und zwischen Zaza und Zeze ist es auch nicht weit. Die anderen Ingredienzien stimmen auch: Perücken, Seidenstrümpfe, Zigarettenspitze, viel zu viel Kosmetik. Drinnen draußen und überall: Schön sind sie, die falschen Damen, so schön sie eben sein mögen. Nett vor allem, wie sie schauen: lächelnd verrucht distanziert hochfahrend abweisend, aber bitte bitte liebt mich. Und der Fotograf tut das Seine.

Er fotografiert schwarzweiß, mit Tages- und Kunstlicht, vielleicht auch ein oder zwei Mal mit Blitz. Er produziert gute Abzüge von Hand, die für diese Publikation direkt auf den Scanner gelegt wurden - Stress für alle Beteiligten, aber Garant eines hohen Maßes an Authentizität. Er geht nah heran an seine Damen, aber er verletzt sie nicht. Das ist kein Blick des Voyeurs, auch nicht der des Vermittlers gesellschaftlicher Wahrheiten mit künstlerischem Anspruch. Frederik Busch hält sich nicht lange bei den Oberlehrern André Gelpke und Dirk Reinartz auf, sondern greift gleich auf Ed van der Elsken, Christer Strömholm und Günter Zint zurück. Die haben sich einfach wohlgefühlt in dieser Gesellschaft und ihre Bilder gemacht, weil das ihr selbstgewähltes Ding war. Nur sind inzwischen fünfzig Jahre vergangen, und das Leben der Verkleideten ist von der Obsession zum Spass mutiert, wie die Fotografie vom Lebens- und Bedeutungszeiger der Geschichte zur Rohmaterial-Lieferantin für Geschichten.

Deshalb ist die Gruppenaufnahme mit dem Titel Transengruppe1 mein Lieblingsbild der Serie: Es referiert die Geschichte des Abbildens überhaupt (vor jeder Pyramide eine Gruppe Araber mit Pferden), die Geschichte der kolonialistischen Ethnografie (Stammesrunde in Afrika) wie der sozial engagierten Fotografie (Proletariersportverein im sozialistischen Untergrund), die Geschichte der Dokumentation (von August Sanders Westerwald-Familien bis Bruce Davidsons East 100th Street), die Geschichte des anonymen Familienbildes seit 1845 und noch viele andere Fotogeschichten mehr. Keine dieser Geschichte ist heute bedeutender als eine winzige Fußnote in einer Subgeschichte der Medien, und jede dieser Geschichten lässt sich nahezu verlustfrei nahezu unendlich reproduzieren und kopieren. Und doch ist es erst einmal ein freundliches Bild von netten Menschen in einer alltäglichen Situation - ein Tässchen Kaffee in Ehren...

Während ich dies schreibe, weiß ich nicht, in welcher Form gerade dieses Bild gedruckt werden wird - und ob überhaupt. Mir sind mehrere Varianten bekannt, die ich gesehen habe, bei denen ich mich aber nicht mehr an die Bedingungen ihrer Genese erinnere: schwarzweiß farbig gescannt geprinted, als Fotografie und als Tintenstrahlausdruck. Was zuerst kam? No idea. Aus meiner Geschichte der Fotografie vermute ich, dass es ein schwarzweißes Kleinbildfoto gab und dazu vielleicht ein ebensolches mit der Digitalkamera in Farbe. Dann stünden zwei parallele Bildwelten zur Verfügung. Oder aber es gab ein Farbbild im Fotoapparat und anschließend diverse Ausgabeformen über hybride Techniken der Bildbearbeitung. Und wenn es dann so ist: Warum welche Farbe in welchem Kostüm oder als welche Schminke wie wirkt, weiß ich dann auch nicht mehr, denn es kann alles im Prozess des Bildermachens so künstlich sein wie in der Verwandlung von Männern zu Frauen.

Drag Queens in black & white, Fummeltunten in bunt - Alles ist machbar. Etwas davon hat Frederik Busch gemacht, und das war allein seine Entscheidung. Solange das Ansehen Spaß macht, ist damit Allen gedient, am Ende auch der Erkenntnis. So schön kann die Fotografie von den Schönen der Nacht sein...